Verstaubt wie eh und je

Nachdem ich meine erste Anfrage bekommen habe, ob ich nicht über ein bestimmtes Thema bloggen könnte (danke Resi), will ich meinen geneigten Lesern diesen Gefallen hiermit gerne tun.

Fulda ist schwarz. So schwarz, dass selbst SPD Politiker (die ich an dieser Stelle nicht namendlich nennen werde) unter der Hand zugeben, dass sich an der Übermacht der CDU wohl nie etwas ändern wird. Dementsprechend verwurzelt sind viele Menschen auch mit der Kirche. Doch auch dies nimmt mitunter sehr merkwürdige Formen an. Ich persönlich bin ja froh, dass ich als Evangelischer noch nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, aber das nur am Rande.
In der Vergangenheit gelangte Fulda schon des öfteren deutschlandweit zu Berühmtheit. Egal, ob nun durch provokante Werbung (Sixt), Leichenschändung, reaktionäre Äußerungen Bischof Johannes Dybas order irgendwelchen irren Talkshowgästen (Hulda aus Fulda), die Reaktion vieler Einwohner auf die Frage ihrer Herkunft waren stets ausweichend: “Aus der Nähe von Frankfurt”.

Seit dem Tod Bischof Dybas schien es jedoch ruhig um Fulda geworden zu sein. Zumindest so lange, bis sich die Gemeinde Künzell dazu erdreitet hatte das Musical “Nase, Bauch und Po” aufführen zu wollen. Dabei handelt es sich um ein Stück, welches Kindern spielerisch das Tabuthema Sexualität näher bringen soll. Außerdem sei erwähnt, dass dieses Stück der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bereits seit 4 Jahren durch Deutschland tourt und nur positive Kritiken bekommen hat.
Um so rätselhafter erscheint es da, dass Bischof Algermissen etwas gegen dieses auszusetzen hat. Aber nicht nur, dass er angesichts immer früherer sexueller Aktivitäten von Kindern gegen eine frühe Aufklärung zu sein scheint. Nein, er hat auch noch zum Boykott aufgerufen. Dies hat natürlich dazu geführt, dass einige Katholische Kindergärten ihren geplanten Besuch umgehend abgesagt haben. Und ich bin mir sicher, dass es auch die ein oder anderen verstörten Eltern gegeben hat, die diesem Beispiel gefolgt sind.

Im Endeffekt wurde dadurch wiedereinmal die erschreckende Erkenntnis untermauert, welche Macht die Kirche in Fulda immernoch ausüben kann und dass es auch Bischof Algermissen versteht anzuecken. Aber bis er es das Format eines Johannes Dyba erreicht, muss er noch viel üben.

Kommentare (8)

campaigneram 03.11.07 um 14:19

Ist immer wieder enttäuschend, von Fulda in den Nachrichten nur wegen negativer Nachrichten lesen zu müssen. Das Aufklärungsmusical, Eva-Herman-Katholikentag-Blabla, Salmonellen (okay, das fiel etwas aus der Reihe).
Oh Mann, Heimatliebe wird einem schwer gemacht.

Tuxedo Maskam 03.11.07 um 19:07

es ist eigendlich nur entäuschend, das sowas in die Medien kommt, weil sie sonst nix zu berichten haben in dieser “Sauren-Gurken-Zeit”…
wobei Algermissen zum Boykott aufrief, weil Kinder durch dieses Musical eventuell in einem zu frühen Statium “ermutigt” werden zum ausprobieren des Erlernten… - so laut Fuldaer Zeitung
aber wir werden ja immer tolleranter, lieberaler, also verteilen wir, entsprechend dem Werbeplaktat “Seitensprung - machs mit” Präservative in der Grundschule

Resiam 04.11.07 um 10:35

Ob man Sexualerziehung unbedingt in Form eines Musicals an den Mann oder die Frau bringen muss - und das bereits im Kindergartenalter- sei mal dahingestellt.
Tendenziell ist die Intention aber richtig: In Zeiten, in denen Kinder bereits mit ca. 10 Jahren geschlechtsreif werden, finde ich es nur gerechtfertigt, dass Gelegenheiten geboten werden, sich über die Thematik zu informieren. In vielen, meist konservativen Haushalten findet Aufklärung nie oder einfach zu spät statt. Da braucht sich dann keiner wundern, dass Mädels mit 12 schwanger werden, weil sie dachten, ein Tampon sei zum Verhüten da.
Bei dem Musical ging es nun auch wirklich nicht um eine skandalöse, pornographische Hardcore-Darbietung. Vielmehr kann man das Ganze eher als “Kinderquatsch mit Michael” bezeichnen. Eine der “härtesten” Textzeilen aus einem bei den Fuldaer Katholiken besonders umstrittenen Liedtext lautet in etwa so: Mein Pullermann, da sind zwei Kullern dran, oh Mann. Und wenn ich in manchmal berühr’, den kleinen Pullermann, dann scheint’s als ob er das gut leiden kann.
So was dermaßen abgrundtief Böses hab’ ich schon lange nicht mehr vernommen. :P
Entschuldigung, mir kommt es eher so vor, als ob der Algermissen nicht damit klar kommt, dass auch er ein solches Instrument des Satans in seiner Hose mit sich rumschleppt.
Wenn ein banaler “Pullermann” schon empört, na dann Prost.
Keiner wurde zudem gezwungen, sich das Musical anzusehen.
Die einzige Institution, die mal wieder Verbote und Boykotte hageln lässt, ist die katholische Kirche; was nicht gerade für sie spricht.

Marcam 04.11.07 um 22:12

Bevor die katholische Kirche damit weiter macht, irgendwelche Musicals zu boykottieren, welche in ihren Augen irgendwelche Kinder verdirbt, sollte sie erst einmal anfangen vor ihrer eigenen Haustür aufzuräumen (statt alles tot zu schweigen).
Insbesondere in Bezug auf pädophile Pfarrer, welche sicherlich eine größere Gefahr für Kinder darstellen als dieses Musical.

Tuxedo Maskam 05.11.07 um 16:10

ich glaube es gibt auch evangelische Pädophile, oder, um mich politisch korrekt auszudrücken: ich glaube, das Pädophilismus nicht auf spezifische Religionsgruppen beschränkt ist.

Natürlich ist es nicht vertretbar, das solche Leute ihre Position ausnutzen (um das klar zu definieren), aber das mit diesem Schlag-Thema dann immer gleich NUR auf katholische Pfarrer gezeigt wird, ist inzwischen auch wieder traurige Tatsache
aber die Presse greift halt das auf, wo am meisten Elend, Mord und Totschlag vorhanden ist.
Ich verweise damit wieder auf die saure Gurkenzeit.

Interessant find ich lediglich, das sich sehr wenig Leute dazu geäußert hatten, als eine CDU-Politikerin die zeitliche Begrenzung der Ehe auf 10 Jahre forderte. Aber da war die katholische Kirche wohl “Waffenbruder” der Presse, deswegen wohl keine Schlagzeile wert auf Seite 8-12, “aus der Region” in der Fuldaer Zeitung, die langsam zum Regionalen-Bild-Blatt wird

Resiam 05.11.07 um 17:50

Das war eine CSU-Politikerin, nämlich die Pauly aus Fürth, und die zeitliche Begrenzung war von ihr auf 7 Jahre festgesetzt worden. Und auch dieses Thema wurde in den Medien relativ heiß diskutiert.
Dass nicht ganz soviel Aufhebens darum gemacht wurde wie um das Aufklärungsmusical, erkläre ich mir damit, dass es hierbei lediglich um den Entwurf eines neuen, passiven Bürokratieaktes ging, der wohl gemerkt zwar die Ehe und das Verständnis derselben wertentleert und absoluter Blödsinn ist, den ich auch nicht befürworte), niemandem aber eine bestimmte Lebensweise in strikter Form vorschreibt und aufzwingt. Das sieht im Falle des Boykottes ganz anders aus. Hier soll durch Boykott und Tabu nämlich ein bestimmtes, von der Kirche erwünschtes, öffentliches Verhalten erzwungen werden. So harmlos das hinsichtlich eines Kindermusicals auch wirken mag; es ist und bleibt dennoch eine Einflussnahme, die nicht gutgeheißen werden kann. Der Einfluss dogmatischer, religiöser Lehrsätze auf das öffentliche Leben schreitet derzeit nämlich in viel zu vielen Bereichen voran: man denke nur an unsere Kultusministerin, die die Schöpfungslehre als objektive Alternative zur Evolutionstheorie in den Biologieunterricht verlegen will.
Gerade deshalb ist es schon wichtig, dass auch in den Medien über derartiges berichtet wird; und das hängt nicht nur mit der Saure-Gurken-Zeit zusammen, sondern hat, wenn auch nur im Kleinen, gesamtgesellschaftliche Relevanz.
Das Thema wurde übrigens nicht nur im Regionalteil der Fuldaer Zeitung diskutiert, sondern auch in der WELT und im SPIEGEL….

Nein, Pädophilie ist sicherlich nicht auf eine bestimmte, religiöse Gruppe beschränkt. Jeder, der das behauptet, redet Quatsch. Was allerdings nervt, ist die Scheinheiligkeit der katholischen Kirche. Das Problem pädophiler Priester gibt es nun mal, aber es wird gerne totgeschwiegen und lieber übertüncht, indem man in anderen Bereichen Skandale aufbauscht und sich selbst als Fleisch gewordene Moral präsentiert.

Marcam 06.11.07 um 10:43

Was Frau Pauly angeht, so hat man ja gesehen, wie weit sie mit ihrer Forderung gekommen ist. ^_^

Natürlich ist Pädophilie nicht auf Regeligions- oder Gesellschaftsgruppen beschränkt. Aber die Katholische Kirche hat mit dem Thema so dauerhaft zu tun, weil sie es totschweigt und nicht, weil die Medien evangelische schonen. Dabei ist es nicht nur scheinheilig sondern geradewegs dumm jemanden, der in dieser Hinsicht bereits negativ aufgefallen ist, weiterhin mit Kindern arbeiten zu lassen. Der Fall Regenburg zeigt eindeutig auf, die die katholische Kirche mit dem Thema umgeht: Es werden keine Konsequenzen gezogen.
Ergo ist es auch nicht verwunderlich, dass die katholische Kirche in dieser Hinsicht ein Problem hat und dementsprechend öfter in den Medien präsent ist.

campaigneram 07.11.07 um 19:46

Frau Paulis Aussage wurde in den Medien diskutiert, allerdings nur kurz, da irgendwann wohl die meisten Medien kapiert hatten, dass sie den Kabarettisten Erwin Pelzig (leicht modifiziert) zitierte und die Aussage nicht ganz ernst meinte.

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