Torii von Itsukushima - Insel Miyajima

Lebewesen

09.06.06

“Die Alltagserfahrung zeigt uns, dass die Dinge mit der Zeit ungeordnet und chaotisch werden. Diese Beobachtung läßt sich in den Rang eines Gesetzes erheben, des sogenannten Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, der besagt, dass die Gesamtmenge der Unordnung - oder Entropie - im Universum mit der Zeit stets zunimmt. Doch das Gesetz betrifft nur die Gesamtmenge der Unordnung. Die Ordnung in einem einzelnen Körper kann anwachsen, vorausgesetzt, die Menge der Unordnung in seiner Umgebung nimmt um einen größeren Betrag zu. Genau das geschieht in einem Lebewesen.
Wir können Leben als ein geordnetes System definieren, dass in der Lage ist, sich gegen die Tendenz der Unordnung zu erhalten und fortzupflanzen. Das heißt, es kann ähnliche, aber unabhängige geordnete Systeme herstellen. Dazu muss das System Energie, die in geordneter Form vorliegt - zum Beispiel Nahrung, Sonnenlicht oder elektrische Energie - in ungeordnete Energie in Form von Wärme umwandeln. Auf diese Weise erfüllt es die Bedingung, dass die Gesamtmenge der Unordnung zunimmmt, während gleichzeitig die Ordnung in ihm selbst und seinen Nachkommen anwächst.
Ein Lebewesen verfügt gewöhnlich über zwei Elemente: eine Reihe von Befehlen, die dem System mitteilen, wie es sich zu erhalten und fortzupflanzen hat, und einen Mechanismus, um diese Befehle auszuführen. In der Biologie heißen diese beiden Teile Gene und Stoffwechsel. Doch ich möchte darauf hinweisen, dass sie keineswegs unbedingt biologischer Natur sein müssen. Beispielsweise ist ein Computervirus ein Programm, das im Speicher eines Computers Kopien seiner selbst herstellt und sich auf andere Rechner überträgt. Damit erfüllt es die Definition eines lebenden Systems, die ich genannt habe. Computer wie biologische Viren sind ziemlich degenerierte Lebensformen, weil sie nur Befehle beziehungsweise Gene besitzen, aber keinen eigenen Stoffwechsel. Stattdessen programmieren sie den Stoffwechsel des Wirtscomputers oder der Wirtszelle um. Einige Forscher meinen, man könnte Viren nicht dem Reich des Lebens zurechnen, weil sie Parasiten sind, und nicht unabhängig von ihrem Wirt existieren können. Doch so gesehen sind die meisten Lebensformen Parasiten, denn sie ernähren sich und sind in ihrem Überleben abhängig von anderen Lebensformen. Das gilt übrigens auch für uns selbst. Ich denke, wir sollten Computerviren zu den Lebewesen zählen. Vielleicht ist es bezeichnend für die menschliche Natur, dass die einzige Lebensform, die wir bisher erschaffen haben, rein destruktiv ist. Denken Sie an die Schaffung des Lebens nach dem eigenen Bilde.”

– Stephen William Hawking (Das Universum in der Nussschale)

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